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Der Aufstand der Frauen von Enger Von Ewald Fleer und Hartmut Braun

Mit Äxten und Spießen ging fast die gesamte weibliche Bevölkerung gegen die Geometer vor

Der Landvermesser Reinhold war außer sich. Die Empörung und die Angst des Tages steckten ihm noch in den Knochen, als er am Abend des 3. Juli 1803 eine Anzeige an seinen Vorgesetzten abfaßte. Etwas Schreckliches hatte er erlebt: Mehr als hundert mit Äxten und Stangen bewaffnete Frauen, fast die gesamte erwachsene weibliche Bevölkerung des etwa 1000 Einwohner zählenden Landstädtchens Enger, hatten ihn und seine drei Taxatoren im Enger Bruch attackiert. Wie „höllische Furien“ hatten sie ihn, die Äxte schwingend, durch das Schilf verfolgt. Mit „entblößten Unterleibern“ drangen sie bis in den sumpfigsten Teil des Bruchs vor, wohin die Männer geflohen waren. Und das, obwohl für Angriffe auf Landvermesser hohe Strafen ausgesetzt waren. Auch den Engeranern hatten die Pastoren der Stiftskirche sie verkündigt. Reinhold und seine Leute waren nach Enger gekommen, um das Bruch zu vermessen. Das war eine rund 65 Hektar große Wiese, auf der Bauern und Bürger seit Urzeiten gemeinschaftlich ihre Kühe grasen ließen. Schon einmal war die preußische Regierung in Minden mit dem Versuch gescheitert, das Bruch in kleine Parzellen aufzuteilen und auf die „Berechtigten“ – 81 Familien, dazu die beiden Pfarrer, den Küster, den Kantor – aufzuteilen. Das war 1772. Damals setzten die Engeraner durch, daß sie an der gemeinschaftlichen Nutzung festhalten durften. Jetzt, im Sommer 1803, standen die Landvermesser wieder vor der Tür. Sie waren rasch gekommen, als einige Engeraner nach ihnen riefen – wohl, weil sie ihre Anteile am Bruch zu Geld machen wollten. Doch die Mehrheit lehnte die Teilung nach wie vor ab. Ein Recht darauf hatten sie nicht. So griffen die Frauen zu anderen Mitteln. Reinhold behauptet, sie wären von ihren Männern vorgeschickt und zu diesem Zweck mit Branntwein „abgefüllt“ worden. Doch das muß nicht richtig sein. Die Frauen trafen sich beim Bürgervorsteher Kenter. Sie zogen zum Bruch. Sie drohten, den Vermessern die Meßgeräte wegzunehmen. Sie jagten die Männer über die Wiesen. Irgendwann ließen sie von den Fremden ab und brachten stattdessen den Engeraner Diekmann in ihre Gewalt, einen der wenigen Befürworter der Privatisierung. Sie nahmen ihn gefangen und brachten ihn mit „erhobenen Äxten und Knütteln“ nach Enger. Dort, so der weitere Bericht des Geometers, ging die Randale weiter. Jetzt protestierten die Frauen vor den Häusern der Teilungswilligen. Die Obrigkeit schaute zu. Der Bürgermeister war ausgeritten. Und Untervogt Loheide ließ die Frauen gewähren – sie hatten ihm Prügel angedroht. Das alles schrieb Reinhold seinem Vorgesetzten in Minden. Der reagierte: Wenige Tage später quartierte sich ein siebenköpfiges Exekutionskommando aus Herford, geführt von einem Unteroffizier, in einem Gasthof am Bruch ein – um weitere Unruhen zu unterbinden. Hier bricht die schriftliche Überlieferung des Aufstands der Frauen von Enger leider ab. Vieles spricht dafür, daß der Landvermesser seine Zelte in Enger vorzeitig abbrechen mußte. Jedenfalls tauchen ein Jahr später, im Juni 1804, erneut Landvermesser im Bruch auf. Und wieder scheitert der Teilungsversuch, obwohl vor Ort bereits Parzellen verlost worden waren. Vermutlich erst 1806 wird das Bruch tatsächlich geteilt. Und die Frauen? – Man müsse sie für ihre „Exzesse“ und „groben Verbrechen“ mit Zuchthaus bestrafen, hatte der Landvermesser gefordert. Doch es gibt nirgendwo Hinweis auf Sanktionen: Die Oberen konnten ja wohl schlecht alle erwachsenen Frauen der Stadt einsperren.

NW/HF (Beilage), Nr. 27, 15.9.98 Juli 1803

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