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Ferien am Bolldammbach von Ulrike Kindermann

Stell dir vor, du gehst am Bolldammbach spazieren. Du siehst, wie vor der Brücke das Wasser von den Steinchen auf dem Grund zu vielen kleinen Wellen geformt wird, die munter glitzernd endlos spielen. Und stell dir vor, du siehst plötzlich über diese kleinen Wellen eine Flasche herangeholpert kommen, immer schnell mit dem Hals nickend. Was denkst du? „Hat wieder so’n Penner seine Buddel in den Bach geworfen!“ Wo der Grund glatter ist, hat die Flasche das Nicken überstanden und schwimmt in ruhigerem Fahrwasser. Und jetzt, wo es langweilig wird, würdest du weggucken, wenn – ja, wenn du nicht ganz kurz vor dem Weggucken etwas Helles durch das braune Glas schimmern sehen könntest. Es ist nicht das Etikett, wo „Herforder Pils“ draufsteht – nein, in der Flasche ist etwas drin. Und nun fällt dir auch auf, dass dies noch aus einem anderen Grund nicht einfach eine leere weggeworfene Pennerflasche sein kann, denn sie ist zugekorkt. Mit einem Weinkorken. Während dir all dies auffällt, schwimmt die Flasche gerade an dir vorbei. Würdest du eine solche Flasche an dir vorbeischwimmen lassen? Der Bolldammbach hat es nicht eilig und treibt die Flaschenpost nur langsam weiter. Ein paar Meter läufst du, und schon hast du sie überholt. Und da liegt doch ein langer Ast von dem ollen Ahorn. Dann würdest du doch den Ast nehmen und damit nach der Flasche angeln. Du berührst sie auch, aber sie dreht sich einfach um das Astende herum und schwimmt arrogant weiter. Würdest du jetzt die Flasche wegschwimmen lassen? Nein, denn von so einer blöden Flasche lässt du dich nicht an der Nase herumführen. Du saust auf die Holzbrücke ein paar Meter weiter und hoffst, dass die Fangarme aus Wasserpflanzen, Zweigen und Coladosen unter dir das Glasschiff stoppen. Das Fahrzeug steuert auf die Falle zu und erwischt die einzige schmale Fahrrinne, die hindurchführt. Würdest du jetzt aufgeben? Bei der einzigen Flaschenpost, die dir je begegnet ist? Du rennst von der Brücke herunter und überholst ohne Mühe dein Opfer. Und was nun? Wenn du zu lange zögerst, entkommt das Miststück wieder. Die Hecke am Bach hat Lücken, und es ist zufällig Sommer. Also raus aus den Sandalen, durch die Hecke, einen Schritt von der kleinen steilen Uferböschung hinunter ins kühlende Wasser. Die portofreie Post kommt gerade auf dich zu, da trittst du in eine Glasscherbe und ziehst schockiert deinen ausgestreckten Arm zurück. Würdest du die Flasche jetzt in Ruhe lassen? Bloß weil so’n Penner wieder mal Glasscherben im Bach verteilt hat? Erstmal steigst du aus dem Wasser und untersuchst deine Fußsohle. Halb so schlimm, nur ein kaum blutender Kratzer. Wieder rein in die Sandalen und der Post hinterher. Die Flasche nähert sich der Brücke, über die die Straße führt. Der Fuß tut ein bisschen weh, aber da liegt wieder ein Ast. Einer mit viel Laub dran. Du hebst ihn auf, rennst über die Straße, überquerst bei der Gelegenheit den Bach und lauerst am flachen Ufer hinter der Brücke dem Schiffchen auf. Das kommt ruhig durch den dunklen Tunnel geschwommen und bewegt sich brav auf dein Fangnetz zu. – Und es bleibt hängen! Vorsichtig ziehst du den Ast ein Stück auf dich zu. Der schwimmende Briefkasten fängt schon wieder an, sich bedrohlich zu drehen. Du musst noch einmal ins Wasser, diesmal mit Sandalen. Wenn die Botschaft an dieser Stelle entwischt, musst du ans andere Ufer zurück wegen der Privatzäune, die Brennesseln und die steile Böschung umgehen und dann hinter der nächsten Straße an der Kuhweide die Geheimsache erwarten. Und dann ist sie vielleicht irgendwo unter den Brennesseln hängen geblieben. Also hinein! Die Flasche schwebt noch zwischen den Blättern am Ast. Du greifst nach ihr – da dreht sie sich weg. Nein! Sie schwimmt sich frei! Jetzt gibt es nur noch eins: Wirf dich drauf und halt sie fest! Oder würdest du eine Flaschenpost an dieser Stelle wegschwimmen lassen? Du wirfst dich drauf, es gibt ein Platschgeräusch, wie es der Bach vielleicht noch nie gehört hat, nichts an dir bleibt trocken, aber du hast deine Beute in den Händen und hältst sie ganz fest. Triumphierend lässt du dich am Ufer ins Gras fallen – es ist ja Sommer. Alle sind verreist und suchen Abenteuer in quälend heißen Ländern mit Neckermann und deutschen Strandnachbarn. Wenn sie dann enttäuscht zurückkommen, mit Sonnenbrand und Dias, aber ohne Abenteuer, dann wirst du der einzige sein, der von einem absolut einzigartigen Erlebnis am Bolldammbach berichten kann. Der Korken ist widerspenstig, aber deine Entschlossenheit und deine Tatkraft meistern auch diese unbedeutende Hürde. Quietschend lässt sich das Korkstück aus dem Flaschenhals drehen. Der Zettel will nicht raus, aber ein Zweiglein vom Bachufer genügt als Werkzeug. Feierlich faltest du das Papier auseinander. Eine Flaschenpost im Vierfarbdruck? Und du liest: „Wenn Sie dieses Schriftstück in den Händen halten, dann werden Sie uns umgehend um weitere Informationen bitten, nicht wahr? Eine Flaschenpost ist immer nur der Anfang eines Abenteuers. Bestellen Sie unseren kostenlosen Prospekt: Erlebnisurlaub für Daheimgebliebene. Wir kommen überall hin!“

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