Historisches Foto der Herforder Kleinbahnen. Triebwagen 12 am 15.05.64 im Bhf Enger. Archiv EMR
Zug verpasst von Isolde Schultz-Osterwald
Meine Eltern hatten beschlossen, am Sonntagvormittag mit der Kleinbahn nach Herford zu fahren. Die Kleinbahn hatte eine pfeifende Dampflokomotive und schmale Gleise und verband Enger mit der Außenwelt. Vom engerschen Bahnhof konnte man in drei Richtungen wegfahren, nach Westen über Spenge nach Wallenbrück bis dicht an die niedersächsische Grenze oder in sanfter Kurve nach Süden über Jöllenbeck und Theesen nach Bielefeld, und schließlich über Oetinghausen in Richtung Osten nach Herford. Der Morgen war etwas dunkel, und als mein Vater zur Uhr sah, erschrak er. Es war schon ½ 9 und um ¼ vor neun ging der Zug. Sie lagen noch im Bett. Anziehen und zur Bahn laufen würde zu knapp sein. Also kurbelte mein Vater am Telefon, ließ von Fräulein Niermann vom Amt die Verbindung zum Bahnhof herstellen und sagte zum Bahnhofsvorsteher Ebmeier, der ein alter Schulkamerad von ihm war, „Hermann, halt bitte just den Zug an. Wir haben verschlafen, wir machen ganz schnell.“ „Jau, Kaal, mach ich.“ Man kann sich vorstellen, in welcher Hetze der Aufbruch stattfand. Ein Butterbrot in der Hand, beeilten sich die beiden im gelinden Laufschritt durch das enge Kellergässchen, wo ihnen schon atemlos Hermann Ebmeier entgegenrief: „Kaal, wo wollt ihr denn hin? Nach Spenge, nach Bielefeld oder nach Herford?“ „Nach Herford, Hermann.“ Schon rannte der voraus, seine Trillerpfeife im Mund. Seine Kelle schwenkend rief er: „Bielefeld und Spenge abfahren!!!“ Ja, das waren noch Zeiten.



