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Pressebericht Rüthing-Vortrag (Text NW/Kindermann)

„Mathilde hat eine Ehrung verdient“

Amüsanter Vortrag von Prof. Heinrich Rüthing in Enger: Warum wurde sie so schnell vergessen?

Enger. Königin Mathilde lockte rund 80 Zuhörer in den Engeraner Ratssaal, die sich Aufschluss über Person und Leben dieser berühmten Frau versprachen. Professor Heinrich Rüthing verschaffte ihnen diesen Aufschluss, soweit die historischen Quellen ihn hergeben. Anlass für die Veranstaltung war die geplante Umgestaltung des Königin-Mathilde-Platzes im Stadtzentrum, dessen Funktion und Aussehen den hochtrabenden Namen bisher nicht verdient. ...

„Vor drei Wochen bin ich mit dem Wunsch nach diesem Vortrag einfach überfallen worden“, beklagte sich Rüthing scherzhaft, „und meistens wehre ich mich gegen so etwas – aber nicht wenn es um Enger geht, wo man sich so intensiv mit der Geschichte befasst.“ Das klang noch geschickt einschmeichelnd. Doch der Experte ersparte den Besuchern auch keine unangenehmen Einsichten. er bezog sich hauptsächlich auf zwei bekannte handschriftliche Quellen von unbekannten Autoren aus den Jahren 974 und 1023, in denen das Leben der als Ur-Ur-Urenkelin Widukinds geltenden Mathilde geschildert wird. Die Hauptdaten sind im Kreis Herford bekannt: Um 895 wurde Mathilde in Enger oder in der näheren Umgebung geboren, und sie wuchs im Herforder Stift auf, das von ihrer Großmutter Mathilde als Äbtissin geführt wurde. 909 heiratete sie Heinrich I., wurde an seiner Seite zur ersten deutschen Königin, gründete später in Enger ein Stift und starb 968 in Quedlinburg.

„Sie war die einzige deutsche Königin, die aus Westfalen stammte“, betonte Rüthing. Aber was für eine Person war sie, und was bedeutet sie für Enger? Die alten Quellen seien schwer zu deuten, andere – oft romantisierende – Darstellungen mit Vorsicht zu genießen. Aus allem ergebe sich ein zwiespältiges Bild, sagte Rüthing. ...

War sie die selbstlose Heilige oder die herrschsüchtige Frau, die es nach Macht gelüstete? – Welche nehmen Sie?“ fragte Rüthing provokativ ins Publikum. „Wollen Sie ein Denkmal errichten? Dann würde sich die harte Herrscherin anbieten, denn so eine Darstellung gibt es bisher nicht. „Von Mathildes vier Klostergründungen in Quedlinburg, Enger, Pöhlde und Nordhausen kam Enger in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts eine hohe Bedeutung zu“, ..., aber später fiel Enger am stärksten zurück... In den zeitgenössischen Chroniken, merkte der Historiker an, werde Enger nicht erwähnt. Auch nicht auf Karten, die das Gebiet der sächsischen Stämme darstellen. Rüthing: „Ich hätte die Karten zeichnen sollen – dann wäre Enger darauf zu sehen.“ Abschließend stellte der Referent die bisher unbeantwortete Frage: Warum hat man Mathilde in Enger so schnell vergessen? „Vielleicht trat später die Widukindverehrung an diese Stelle. Und wenn Enger Mathilde jetzt mehr würdigen will: Sie hat es verdient!“ In welcher Form sie gewürdigt werden könnte, dieses Problem müssten die Engeraner selbst lösen.

Der Professor im Ruhestand machte aber ein reizvolles Angebot: Ein Quellenstudium mit ihm gemeinsam an vier Abenden. Das müsste jetzt nur noch organisiert werden. Das faszinierte und amüsierte Publikum dankte ihm mit langem Beifall.